Dreifache Mutter, Hausfrau, 40, sucht Führungsposition in einem Verlag. Wieviele Stellenangebote würde Aenne Burda heute bekommen? 60 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik und des Verlags Aenne Burda warten Mütter nach drei Jahren Erziehungsurlaub noch immer auf den roten Teppich, der sie nicht gleich in die Chefetage, aber zu einem Job führt, der ihren Qualifikationen, Fähigkeiten, Talenten und Erfahrungen entspricht.
Gut, Aenne Burda hatte einen Verleger zum Mann, der ihr 1949 einen hoch verschuldeten kleinen Schnittmusterverlag überließ – aber sie hat aus eigener Kraft, mit Willenstärke und unendlich viel Arbeit daraus ein Modeimperium geschaffen. Der eigene Verlag war eine Wiedergutmachung – für eine Geliebte und ein uneheliches Kind. Statt zu verzweifeln, nahm Aenne Burda die Herausforderung an, ergriff die Chance, die sich ihr bot. Sie wuchs an ihren Aufgaben, wurde selbständiger, unabhängiger und erfolgreich.
Es gibt eine großartige Szene: Aenne Burda feiert ihren 90. Geburtstag in „Brenner’s Parkhotel“ in Baden-Baden. Anmutige Models präsentieren eine Modenschau zu Ehren der Senior-Chefin. Applaus im Publikum. Aenne betritt die Bühne, bedankt sich und sagt: „Diese Jugend ist die Zukunft. Sie sind so schön. Sie sind so einheitlich. Das ist eure Zukunft. Das ist das Gleichmachen. Um Gottes Willen sich bloß nicht abheben. Und ich wollte mich mein ganzes Leben abheben.“
Das ist Aenne Burda gelungen. „Ich war immer ich“, sagte sie einmal. Wahrscheinlich nicht immer zur Freude ihrer Mitarbeiter, ihres Mannes, ihrer Söhne. Doch das Vertrauen auf die innere Stärke, die Intuition und die konsequente Umsetzung, der Mut zum Handeln sind Fähigkeiten, die wir heute genauso brauchen wie Aenne Burda vor sechzig Jahren.
Ihr Leben war nicht immer einfach, aber sie hat es mehr als bravourös gemeistert, wofür wir sie bewundern und von ihr lernen können. Aenne Burda selbst wählte als Lebensmotto eine Weisheit des indischen Literaturnobelpreisträgers Rabindranath Tagore: „Ich schlief und träumte, das Leben wäre Freude. Ich erwachte und sah, das Leben war Pflicht. Ich handelte und siehe, die Pflicht war Freude.“
